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Vortrag von Prof. Dr. Gottfried Meinhold, Institut für Sprachwissenschaft der
Friedrich-
Schiller-Universität Jena, anläßlich
der Buchpremiere von "Blaurausch" (10 Erzählungen) von
Prof. Dr. Edwin Kratschmer am 26. September 2008
im Historischen Rathaus der Stadt Jena.
Kräfte des Wortes
"Hinter dem Thema "Kräfte des Wortes"
wäre ein Fragezeichen denkbar. Denn auf den
ersten Blick muss man sich überlegen: Lebt ein
Autor, der Autor des heutigen Abends,
wirklich von den Kräften des Wortes? Oder verleiht
er nicht eher dem gebräuchlichen Wort
mehr Kraft, mehr Bedeutungssubstanz, mehr Energie als
es von sich aus hat, indem er es
nämlich in unerhörten Schilderungskontexten
verwendet, bei äußersten Sachverhalten,
in Ausnahmesituationen? 1911 hat der Ungar György
von Lukács, als junger Mann von Mitte
zwanzig, in der Frühzeit des Expressionismus "die
Erlösung von der Mediokrität" postuliert,
und er meinte das Mittelmaß als Signum der Mitte,
das mittlere Maß - nicht im Sinne des
Mäßigen, Durchschnittlichen, sondern er
spielte auf das Ausgewogen-Symmetrische an, das
Nicht-Exzentrische, er wollte die Erlösung von
lügnerischer, schönredender Klassizität.
Sartre hat um die Mitte des 20. Jahrhundert dieses
Postulat bekräftigt. Unter solchen Umständen
kommt es zu Texten als "Expeditionen ins Unverhältnismäßige"
(Sloterdijk), und um solche
handelt es sich bei Edwin Kratschmer.
Was tut not, um der Häufung der Exzesse, dem Exzessiven
als Signum des 20. Jahrhunderts,
geistig gewachsen zu sein? Was ist zu tun, um dem Extremen,
Unbegreiflichen, Unfassbaren,
dem Äußersten in diesem Jahrhundert der
Kriegszeiten, Nachkriege, Notzeiten, der Lager,
des Massenwahns, und der maßlosen Quälerei
der Völkermorde und der Völkertortur nicht zu
unterliegen? Wie macht man Unfassbares fassbar und
wie macht man sich gefasst auf die
unbegreifliche Spannweite zwischen barbarischen Abgründen
und Kulturverlusten einerseits
neben den Gipfeln kultureller Leuchtkraft, die nicht
zu leugnen sind, andererseits?
Wenn Hochproblematisches ansteht, gilt stets von neuem
die Suche nach der "äußersten
Zuspitzung der Fragwürdigkeit", des Problematischen,
einem "radikalen Bis-zu-Ende-Gehen"
(Lukács). Man hat sich auf Chaos und Labyrinth
- in der Welt und im Menschen - einzulassen
und sich zu rüsten für den Gang durch das
Inferno und die Unterwelt - die in uns selbst
eingeschlossen.
Edwin Kratschmer stellt sich dem Exzess im Zeitalter
der Extreme, er denkt, extrapoliert
über das Gegebene oder gegeben Gewesene hinaus,
ohne Rücksicht auf Tabugrenzen:
Auch dann, wenn die eigene biographische Verfügungsmasse
in literarische Textbauwerke
eingeht - immer wird sie im Kräftespiel der Reanimation
überboten, und vermutlich auch
in der Zuspitzung aufgehoben. Edwin Kratschmer steht
in der "europäischen Kontinuität des
Antiharmonischen, des Irregulären" (Hocke),
der Anomalie, des Antiklassischen.
Wie also - ich wandle die Frage ab - kommen Autor und
Leser zur Gefasstheit auf eigentlich
Unfassbares? Die Antwort: Wohl am ehesten mittels einer
doppelten Überbietungsstrategie,
und zwar zum einen mittels der Überbietung der
Realität durch Phantasie, fiktionale
Übersteigerung des Möglichen ins scheinbar
Unmögliche, über das nur Unerhörte hinaus
ins Unglaubliche, Paranoische, Irrwitzige, die ästhetische
Überreaktion, die schließlich
hinausführt in die Abgeklärtheit des Absurden.
Zum anderen erzwingt die Überbietung der
Realien durch die überraschende, weckende, schockierende
Originalität der Sprache, die
sprachliche Unverhältnismäßigkeit und
narrative Eigenwilligkeit einen Weitungseffekt.
Von Wortschöpfungen - Neologismen und Wortmeteoren
- bis hin zum verknappten Satzbau,
zuweilen zu einem Lakonismus des Entsetzens, zur Einzelwortsequenz
- in der scheinbar
Disparates, Unvereinbares auf engstem Raum zusammenprallt.
Die Legitimation derartiger
expressionistischer Mittel für die Literatur liegt
schon hundert Jahre zurück.
Ein Beispiel: In der Erzählung "Blaurausch"
brechen in der Aufzählung von
Farbassoziationen geradezu klaffende Bedeutungsdistanzen
auf, wenn es in einer
Wortkette heißt: "Jede Farbe hatte ihren Sinn: Honig, Gift, Rotz, Glück, Tod, Verführung,
Schleim, Kirschblüte, Galle, Sehnsucht, Wollust,
Angst, Wonne, Prunk, Heimat, Zauber,
Tragik, Liebe, Unruh, Scheu, Schmelz, Mystik, Ekstase,
Fleisch, Friede, Wein, Urin."
Wein neben Urin, Galle neben Sehnsucht, Rotz neben
Glück, Schleim neben Kirschblüte -
wer spürt hier nicht, wie im Zusammenprall der
disparaten Wortpartner - Rotz neben Glück,
Wein neben Urin - jeder der beiden eine weit über
die übliche Wortbedeutung
hinausgehende assoziative Weiträumigkeit erhält,
worüber der Bezug zur Farbe beinahe
in Vergessenheit gerät, dafür aber eine Klüftung
für den Durchblick auf krasseste Wirklichkeit
entsteht.
Edwin Kratschmer, Prosadichter von hohen Graden, will
und kann sich der quälenden Vision
einer nach wie vor von Geschändeten, Misshandelten,
Verjagten bevölkerten Erde nicht entziehen,
das Fluidum der Gefangenschaft, der rabiaten wie der
scheinbar kommoden, um ein Grass-
Wort zu gebrauchen, gehört - davon zeugt sein
Roman HABAKUK - zu seiner fundamentalen
Daseinserfahrung. Dennoch: mittels romantisch anmutender
Zauberwort-Wünschelrute -
durchaus im Eichendorff'schen Sinne - winkt Rettung.
Mitten im allgegenwärtigen Unrat und
Unflat jeder Art, dessen Scheußlichkeit er sich
stellt, scheinen im gestalterischen Ringen um
Souveränität verbale Blitze auf, als Signale
der Überwindbarkeit des Abscheulichen.
Dieser Autor hat Erfahrung mit der Grenznähe,
er bewohnt die Grenzzone des Sagbaren
wie des Vorstellbaren, er siedelt an der Peripherie,
nicht im Zentrum, das Niemandsland
zwischen regulärer Trivial-Wirklichkeit und visionärem
Überstieg ist ihm Heimat, er
sucht die rücksichtslose, energische Grenzüberschreitung
über das Tabu hinaus, um
jenseits der Demarkation weiter zu gehen, auch im Absurden,
ohne Weg und Steg - nur
mit Wörtern, Schritt für Schritt, "ins
Ungewisse hinab" oder hinauf in die Distanz.
Fragen wir uns doch einmal - an Hand eines schlichteren
Beispiels: Was legitimiert
das hyperbelhafte Sprechen von "spritzenden Tränen",
wo doch jeder weiß, Tränen
strömen, fließen, laufen, tropfen, rinnen
allenfalls? Gewiss deutet das Spritzen
der
Tränen auf die Heftigkeit, die Unerhörtheit,
die Sprengkraft jener Gemütsbewegung hin,
der das Weinen entspringt. Das phantastische, surreal
anmutende Phänomen lässt das
Wirkliche somit über die Grenze der Glaubwürdigkeit
hinaus gesteigert erscheinen,
aber im intensiven Gewahrwerden stellt sich die spontane
Plausibilität des psychischen
Extremzustandes ein. Die Ausnahmeerscheinung, unwahrscheinlich,
Anomalie zweifellos,
konstituiert den ursächlichen psychischen Ausnahmezustand.
Und der Autor benötigt
exzeptionelle sprachliche Mittel für die Vergegenwärtigung
exzeptioneller Zustände.
Aber er verwendet sie dennoch maßvoll.
Der "Beginn der langen Konjunktur von hyperbolischen
Ausdruckswelten" im späten
Expressionismus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
war dem Versuch geschuldet,
"den Ungeheuerlichkeiten der geschehenden Geschichte
zu entsprechen" (Sloterdijk) -
als müsse die Form, die sprachliche zumal, durch
kreative Kraftakte, die zu neuen,
radikalen Ausdrucksmöglichkeiten führen,
signalisieren, dass der Autor fähig ist, der
Übermacht der Geschehnisse zu widerstehen, ihnen
ebenbürtig zu sein und gefasst zu
bleiben.
Dass unser Autor der Überlast schlimmer Tatsächlichkeit
nicht unterliegt, verdankt er,
meine ich, der Sprache. Der Druck des Realen, seiner
Unmittelbarkeit, lässt nach, weil
die sprachliche Gestaltung im Text zur souveränen
Verfügbarkeit sowohl der erinnerten
Realien als auch ihrer Gestaltungsmittel nötigt.
Die Verpflichtung zur Mitteilung, zur
Wiedergabe setzt Erinnertes dem überhellen Lichtkegel
des Allgemeinen, der Abstraktion
aus, die Realien werden ihrer unmittelbaren Konkretheit
entrissen.
Nachhaltige Momentaneindrücke brennen dem Leser
Bilder, Vergleiche, Metaphern
ein, die sich gerade deshalb, weil sie - durch ihre
Hyperbelhaftigkeit - im Augenblick
schockieren, verzweigen und übergreifen: Wenn
Seele verzweiflungsvoll-unerhört
Schlachthaus und Abdeckkammer der Phantasie ist, dann deutet dies auf ein
unheimliches autogenes Zerstörungspotential hin,
wie ein psychisches Pendant
zur physischen Autoimmunerkrankung. Oder: sind Meergrün und Karmin [...] schreiend
ineinander verbissen, - so deutet das animalisch-blutige Bild auf die unbändige,
dynamisierende Wirkung eines Farbkontrastes.
Ein Lebensbereich, der seit weit über hundert
Jahren von den stärksten Asymmetrien
und Deformationen gezeichnet ist, nämlich die
erotisch-sexuelle Sphäre, macht
Extremstellen besonders drastisch kenntlich. Liebe
mit ihrem Schwingen zwischen
Charitas, Eros und Sexus ist seit langem vom Verfall
bedroht. Verworfenheit, Verlogenheit,
Unredlichkeit, primitive Obsession und Obszönität
haben hier, wenn man einmal nur
Schattenseiten in Betracht zieht, einen Tummelplatz
sondergleichen. Charitas - als zentrales
Liebeselement -, hochempfindlich und gefährdet,
erstickt am ehesten, erdrosselt vom
rücksichtslosen physischen Lustgewinnprinzip,
das auf orgastische Übertrumpfung gerichtet
ist. Dergleichen seelische Verelendung führt nur
allzu rasch in sadomasochistische Inferiorität.
Das Schicksal des Protagonisten in "Urrichs Offenbarung"
(aus "Blaurausch") gerät in
diese Abgründigkeit, wenn er nach langer - irgendwie
psychopathisch begründbarer - Abstinenz
und offensichtlich misslingender Sublimation in libidinöser
Aufwallung auf einer Reise einem
"überreife[n] üppige[n] Bauernweib"
verfällt, deren Körper - von Operationsnarben verunstaltet -
ihm in einer weitläufigen und verzweigten Landschaftsanalogie
mit Hoch- und Tiefländern
vorkommt wie eine "heißhügelige Aufbruchslandschaft
mit ihren mächtigen Gebirgswällen,
Grabenbrüchen, Kerbtälern, Klüften,
Halden, Spalten, Schründen, Schluchten, Schlünden, mit
ihren Lavaströmen, -stürzen und -zungen."
Dieser hochmanieristische, manische Bild-Raum,
dessen reißender Strömung - mit dem vulkanischen
Abschluss - man sich kaum entziehen kann,
selbst wenn man sich momentan dagegen sträubt,
wird noch einmal überboten und dadurch
gelöscht. Ein nachfolgendes Vorstellungsgewebe
der Fleischverarbeitung überlagert die
Körperlandschaftsmetaphorik, denn "nun lag
sie [die Begehrte, G. M.] vor ihm aus Fleisch und
Blut und sie schien warm und triefend wie frisch vom
Fleischerhaken". Die Vorstellung des
Schlachtens, der Kadaverisierung und Aufbereitung von
tierischen Körperteilen für den Verzehr
durchdringt schaurig-faszinierend sexuelles Begehren.
Dass menschenfresserische
Assoziationen bei Liebe zugelassen sind, sei unbestritten,
es ist also üblich, jemanden zum
Fressen gern zu haben, ohne an Kannibalismus denken
zu müssen. Doch der Fleischerhaken
provoziert suggestive, durchaus nicht groteske Vorstellungsverknüpfungen
mit den
Kadaverteilen, Speckseiten, Schlachtprodukten, die
an ihm hängen können. Setzt sexuelles
Begehren assoziative Nebenvorstellungen solcher Art
in Gang, so erhält - in diesem Fall - die
"erotische Ursehnsucht" des Protagonisten
einen pervers-extremistischen Zug, bis hin zur
Nekrophilie. Jenseits der kritischen Grenze der Humanitas
und wohl auch über tierische Brunst
hinaus ist damit ein Extrempunkt erreicht, von dem
aus unverkennbar kritisches auktoriales
Aufbegehren gegen entseelte, grobschlächtige,
vom Sadismus unterwanderte Sexualität
mobilisiert wird.
Die ureigene Sprache des reanimierenden, phantasierenden
Autors nutzt spielerisch die reizvolle
Andersartigkeit altertümelnder Wörter und
Wendungen, verwendet sie in besonderer Wortstellung,
dann wieder in sprichwortartigen, poetischen, lyrisch
anmutenden Formeln, zuweilen fast wie
Lutherdeutsch anmutend, dann lakonisch und kantig mit
der sentenziösen Prägnanz des barocken
Epigramms oder Sonetts. Auch regionale Idiomatien gehören
zu seinem Inventar: Statt nie, niemals,
nie mehr
wird die Form nimmer verwendet, oder es wird apokopiert, wo man es nicht erwartet:
zwangsweise wird
zwangsweis (Blaurausch), auch mit grammatischen Folgen, wenn Femininum
(Marionette) durch Apokope zum Maskulinum (Marionett)
mutiert. Dem Klumpen wird der archaistische
Klump vorgezogen:
...die Zunge quoll, die ihm dann im
Halse steckte wie Klump. Es gibt
Wortschöpfungen wie Gemerk
statt Gedächtnis, Gekerf
statt (Un-)Geziefer,
Gschreib statt Geschreibsel,
fast barock anmutend, wie der Kontext, in dem sie erscheinen.
In der Erzählung "Fimms Ende" gibt
sich der Protagonist den Rat: "Friss Mimikry. [...] Misch dich unter die Falschspieler
und Falschmünzer,
die Filou und Fallott. Versauf im Tümpel Glück.
Zum Teufel mit deinem Gemerk."
Für die äußerste Exaltation, die in
der Erzählung "Blaurausch" zur Vernichtung der Sehkraft des
ultramarinsüchtigen Protagonisten führt,
bemüht sich der Autor jedoch nicht mehr um exzeptionelle
Sprachform, er hat sie nicht nötig, weil der exzessive
Vorgang per se wirkt. Die Exaltation des der Farbe
Ultramarin verfallenen Malenden, der in einer Art Schaffensekstase
erblindet, tritt in einer Reihe von
Einzeltätigkeiten zutage. Am Ende freilich steht
ein Bild, nämlich das des Meeres, mit seiner
Unendlichkeitsdimension. Zunächst heißt
es: Er "trug Farbschicht für
Farbschicht auf, kollagierte und
assemblierte, wischte, rollte und walzte, schüttete
die Farbe töpfeweis an die Wand, strich mit Händen
darüber, knetete, klatschte sich selbst an die
nasse Fläche und kam so zu seinem eigenen Abdruck als
Flachrelief, er drückte sein Gesicht hinein oder
sein nacktes Gemächt [...] und zuweilen fühlte er, wie
die Peur bleu heftig von ihm Besitz ergriff und wütete,
wie ihm das Augenlicht flimmernd versagte und
große schwarze Löcher ins Ultramarin riss.
[...] Ultramarin, sein Königsblau, längst sein einzig mögliches
Blau, schwamm ihm, riesiger Eisberg, flimmernd immer
mehr davon und hinterließ ihm vollends weites
schwarzes Meer."
Zu Edwin Kratschmers Ästhetik gehören das
rezeptive Zurückschrecken, Zurückprallen, der Schock,
aber sie scheinen mir Begleiterscheinungen einer aktiven
Immunisierung zu sein, bei der sich Symptome
der Krankheit, gegen die geimpft wurde, in abgeschwächter
Form entwickeln. Da gibt es womöglich
auch etwas auszuhalten. Doch Zeuge zu sein, wie sprachbesessener,
unermüdlicher, unbändiger Geist
agiert und Wirkliches im Möglichen überbietet,
das imponiert zugleich als eine Rettungsstrategie, die
Gespenster bannt und neue Beweglichkeit verschafft.
Zudem könnten Antitoxine gegen existenzielle
Versuchungen wie Indifferenz, Gleichgültigkeit,
Kälte oder Resignation auch den Rettungsversuchen im
Großen zugute kommen. Ermutigung zum Widerstand,
nicht zuletzt gegen sich selbst, war stets ein
honoriges Ziel und Resistenz zu oft eine knappe Ressource
- wie Mut."
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